Wenn in einer Winternacht ...

Während den Feiertagen 2020/2021 war ich kreativ und habe einen Online-Schreibkurs besucht, "Wenn in einer Winternacht...". Wir schrieben Texte in verschiedenen Stilrichtungen. Mal surreal, mal grotesk, mal fantastische Momente usw. Viel Spaß beim Lesen.

1.

Wenn in einer Winternacht Katharina sich entschließt zu schreiben, öffnet sie als erstes die Tür zu ihrem Balkon im ersten Stock. Es hatte geschneit. Mit geschlossenen Augen atmet sie den Duft von frischem Schnee ganz tief ein. Eine Tasse heißer Zimt-Pflaumen-Tee wärmt ihre Hände. In Gedanken ist sie jetzt weit weg. Neue Geschichten zu ihrer Lieblingsjahreszeit kreisen in ihrem Kopf. Einen Moment hält sie inne. Hat sie alles erledigt? Sind die anderen gut versorgt? Unten ist alles ruhig. Jetzt kann sie sich ihrer Leidenschaft widmen. Sie setzt sich auf das Lammfell vor dem offenen Kamin und schreibt die ersten Worte auf Papier „Wenn in einer Winternacht...“.

 

2.

Wenn in einer Winternacht in einer Teetasse ein Mädchen und ein Bär fliegen, sitzt der schwarze Kater staunend davor und verfolgt sie mit großen grünen Augen. Mit seiner Tatze versucht er, sie zu fassen. Mit seiner Schnauze versucht er, sie zu schnappen. Sie sind schneller und schweben Hand in Hand davon in Richtung Fenster. Der Kater springt schwungvoll hinterher, raus in den Schnee. Das Mädchen und der Bär tänzeln über ihm und winken im zu. Vor Freude springt er in die Höhe und spielt mit ihnen. In dem Moment wacht Katharina auf. Nicht alles war nur ein Traum. Sie streichelt das warme Fell von Tobi, der schnurrend neben ihr liegt.

 

3.

Wenn in einer Winternacht sie von ihrem Schreibtisch aufsteht, ganz steif noch, weil sie so lange gesessen ist, und denkt „Was habe ich eigentlich gerade geschrieben? Ein Mädchen und ein Bär fliegen in einer Teetasse. Beide so winzig, dass man sich an ihnen verschlucken könnte. Ist das der Beginn eines neuen Märchens? Warum nicht?“ Sie streckt ihre Arme aus, versucht sich zu entspannen und neue Kräfte zu sammeln für das nächste Kapitel. Plötzlich hört sie ein Geräusch. Was war das? Kam es von draußen? Vorsichtig geht sie die Treppe hinunter und öffnet die Tür. Da, wieder dieses Geräusch. Singt da jemand? Sie sieht Licht im Gartenhäuschen. Durch den hohen Schnee schleicht sie sich langsam an. Ihr warmer Atem lässt die Eisschicht auf dem Fenster schmelzen. Mit der Hand reibt sie eine runde Stelle frei. Sie traut ihren Augen nicht. Das Mädchen und der Bär. Der Bär trägt das Mädchen auf seinem Arm. Sie tanzen im Kreis um einen hell leuchtenden Stern. Aber, das Mädchen hat nur noch ein Bein. Was ist passiert? Wie hat sie es verloren? Plötzlich verstummt der Gesang. Der Bär und das Mädchen haben sie entdeckt. Schnell versuchen sie, den Stern in eine Wolldecke zu packen und ihn unter einer lockeren Holzplanke im Boden zu verstecken. Jetzt ist es dunkel in der Hütte. Katharina kann nichts mehr erkennen. Sie hört die Tür knarren. Schnelle Schritte stapfen durch den Schnee in die Nacht hinein. Noch ganz verwirrt geht sie zurück ins Haus.

 

4.

Wenn in einer Winternacht der Wind die Schneeflocken verwirbelt, die vom Himmel fallen, verlässt der Stern auf leisen Sohlen sein Versteck. Durch den Türspalt kann er das Haus erkennen, in dem Katharina oben im 1. Stock vor dem offenen Kamin sitzt und schreibt. Links davon steht eine weiß gepuderte Tanne mit hoch erhobenem Kopf. Ihre weitverzweigten Arme laden ihn ein. Mühsam bahnt sich der Stern einen Weg durch den hohen Schnee. Er klettert auf den Baum. Aus seinem seidenen Beutel nimmt er kleine Kugeln. Jede davon bekommt ihren Platz auf einem der Äste. Oben angekommen setzt sich der Stern auf einen Tannenzapfen und ruht sich aus. Er streift sich den Schnee von den Kleidern ab. Dabei löst sich etwas Sternenstaub. Sobald dieser auf die Kugeln fällt, beginnen sie zu leuchten. Der Tanne wird ganz warm ums Herz, sie richtet sich stolz auf und strahlt bis hinauf zum Sternenhimmel. Es ist Weihnachten.

 

5.

Wenn in einer Winternacht es bei Katharina an der Tür klopft, schaut sie auf die Uhr. Wer kann das so spät noch sein? Eben hatte sie das 4. Kapitel ihres neuen Buchs beendet und wollte zu Bett gehen. Die anderen schlafen schon. Sie schaltet die Lampe in ihrem Arbeitszimmer aus. Nur der Kamin verbreitet nun noch ein warmes Licht. Das Holz knistert beruhigend. Leise geht sie die Treppe hinunter. Es klopft schon wieder. Hat sich jemand im Wald verirrt und braucht Hilfe? Neugierig öffnet sie die Tür. Davor steht das einbeinige Mädchen, das sich auf eine Holzkrücke stützt. Katharina erschrickt und macht einen Schritt zurück. Das hatte sie nicht erwartet. Auf dem verschneiten Weg vor dem Haus entdeckt sie eine Kutsche, vor die ein Bär gespannt ist. Ein mannsgroßer schwarzer Kater sitzt auf dem Kutschbock und hält die Zügel. Zwei brennende Fackeln stecken rechts und links vom Einstieg. Katharina runzelt ungläubig die Stirn. Das Mädchen sieht ihren fragenden Blick und lächelt sie an. Es nimmt ihre Hand und deutet ihr an, mit ihm zur Kutsche zu kommen. Katharina greift ihren blauen Wintermantel, der im Flur an der Garderobe hängt und steigt in ihre Stiefel mit dickem Profil. Sie begleitet das Mädchen zur Kutsche. Über zwei Stufen steigen sie ein und kuscheln sich unter die wärmenden Felle, die bereit liegen. Die Nacht ist eiskalt und sternenklar. Dann geht es los. Der Kater treibt den Bären an. Mit voller Kraft zieht dieser das Gefährt auf Kufen durch den verschneiten Wald. Sie nähern sich einer Stadt, die auf einem Hügel liegt und von einer Mauer aus Sandstein umgeben ist. Aus manchem Haus scheint Licht auf die schneebedeckten Straßen. Verschnörkelte Laternen werfen Schatten auf weiße Häuserwände. Durch enge verwinkelte Gassen gleitet die Kutsche mit ihren vier Passagieren dahin. Keine Menschenseele begegnet ihnen. In der Ferne erkennt Katharina die Umrisse eines Gebäudes, über das in regelmäßigen Abständen ein Licht streift, das sie an den Scheinwerfer eines Leuchtturms erinnert. Sie kommen näher. Das Gebäude bekommt die Anmut eines Schlosses. 7 weiße Türme werden sichtbar, bestückt mit unzähligen Fenstern aus Glas in verschiedenen Farben. Sie fahren durch ein großes Tor. Auf dem Vorplatz des Schlosses stehen 20 weitere Kutschen mit ihren Fahrern, die alle in Tierkostümen gekleidet sind. Der Kater spannt den Bären aus. Gemeinsam mit dem Mädchen und Katharina gehen sie zur Pforte. Die festlich gekleideten Gastgeber erwarten sie schon und führen sie in den Ballsaal. Viele Gäste vergnügen sich bereits auf der Tanzfläche. Katharina schaut an sich hinunter und fühlt sich mit ihren Winterstiefeln etwas fehl am Platze. Der Kater lässt ihr jedoch nicht viel Zeit, um zu überlegen. Er verbeugt sich vor ihr und fordert sie zum Tanze auf. Ein richtiger Kavalier, denkt Katharina und nimmt gerne an. Der Bär hebt das Mädchen auf seinen Arm und dreht sich ebenfalls mit ihm zum Takt. Katharina genießt die schöne Atmosphäre inmitten dieser edlen Gesellschaft. Sie fühlt sich wie eine Prinzessin. Sie schließt die Augen. Ein kurzer Schrei des Mädchens reißt sie aus ihren Gedanken. Der Bär hatte beim Tanz das Gleichgewicht verloren. Er versucht, sich am nachtblauen Samtvorhang festzuhalten, reißt ihn aber mit zu Boden. Plötzlich ist alles still. Selbst die Kapelle hört auf zu spielen. Alle halten den Atem an und schauen auf den dunklen Stoff, unter dem sie den Bären und das Mädchen vermuten. Etwas geschockt krabbeln beide darunter hervor. Sie sind unverletzt und lächeln schon wieder. Katharina und der Kater umarmen die beiden erleichtert. Das Mädchen hat sich am schnellsten gefasst, nimmt seine Krücke und geht zu dem großen Fenster, das nun zum Vorschein kommt. Es gibt den Blick auf das verschneite Dorf frei. Der Bär, der Kater und Katharina gesellen sich zu ihm. Auch die anderen Tänzer werden aufmerksam und kommen zum Fenster. Einige haken sich freundschaftlich unter den Armen ein und schauen gemeinsam ins Tal. Über jedem Haus steht ein leuchtender Stern, der den Menschen Glück bringen soll. Eine Sternschnuppe nach der anderen erhellt den Himmel wie ein großes Feuerwerk. Ein ständiges Kommen und Gehen. So ist das Leben.

Katharina wacht auf. Die Sonne kitzelt in ihrer Nase. Wenn das ein Traum war, darf sie ihn auf keinen Fall vergessen. Sie schließt nochmal die Augen, um alles Revue passieren zu lassen und so viele Details wie möglich in ihren Kopf zu brennen. Noch im Pyjama geht sie in ihr Arbeitszimmer und beginnt, das nächste Kapitel ihres Buchs zu schreiben ...

Ich wünsche allen ein GUTES NEUES JAHR 2021


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